Finanzen verstehen. Zukunft gestalten.
  • 03.06.2024
  • 6 Minuten

Nur guter Rat wird nicht teurer.

Autor: Heinz-Josef Simons

Hand türmt Münzen zu Säulen auf

Erprobte Strategien, das eigene Vermögen vor der Inflation zu schützen.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine müssen wir uns notgedrungen mit einem Thema beschäftigen, das lange nicht auf der Tagesordnung stand: der Inflation. Wegen der explodierenden Energiepreise erreichte die Teuerung in Deutschland ein Niveau, an das sich wohl nur noch die Älteren unter uns erinnern.

Im Oktober 2022 sprang die Teuerung zwischen Flensburg und Füssen auf wohl nie für möglich gehaltene 10,4 Prozent. Ein Wert, der nur vor rund 100 Jahren getoppt wurde – aber da hatten wir auch Hyperinflation. 

Wie wird die Inflationsrate ermittelt?

Der sogenannte Verbraucherpreisindex misst monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland für Konsumzwecke erwerben. Die Veränderung dieses Indexes zum Vorjahresmonat bzw. zum Vorjahr wird als Teuerungsrate oder als Inflationsrate bezeichnet.

Der Verbraucherpreisindex respektive die Inflationsrate wird berechnet anhand eines Warenkorbs. Dieser umfasst rund 700 Güterarten und repräsentiert die von privaten Haushalten in Deutschland gekauften Waren und Dienstleistungen. Diese sogenannten Güterarten werden gewichtet nach dem Währungsschema.

Durch das Verhältnis der Ausgaben für (Grund-)Nahrungsmittel, Wohnen (= Miete) und Energie zum Gehalt werden die viel zitierten Normalverdienenden sowie Menschen mit geringem Einkommen, die oft auf staatliche Hilfe angewiesen sind, überproportional belastet.

Inflation ist deshalb grundsätzlich schlecht, gar ein Teufelswerk? Nein, sofern sie nicht dauerhaft und deutlich über das von der Europäischen Zentralbank (EZB) gesteckte Ziel von rund 2 Prozent jährlicher Teuerung hinausschießt.

Weshalb eine moderate Teuerung gut für eine Volkswirtschaft ist.

Die von der EZB angepeilte Zielmarke von 2 +/- Prozent jährlicher Inflation signalisiert somit eher Geldwertstabilität, obwohl die Preise – geringfügig – steigen. Die volkswirtschaftliche Idee dahinter: Eine moderate Inflationsrate hat nachfragefördernde Wirkung. Die Menschen kaufen Produkte und Dienstleistungen in der Erwartung, dass sie für ihr Geld künftig weniger bekommen werden.

Fallen hingegen die Preise und kommt es deshalb zu einer Deflation, schwindet die Kaufneigung der Konsumenten, weil Produkte und Dienstleistungen in absehbarer Zeit vermutlich weniger kosten werden, so die Erwartung. Eine solche Entwicklung wäre auf Dauer fatal für jede Volkswirtschaft, ähnlich wie eine starke, sogar galoppierende Inflation, die das Leben in relativ kurzer Zeit spürbar verteuert.

Inflation – Gewinner und Verlierer.

Praktisch jedes wirtschaftliche Szenario kennt Gewinner und Verlierer. Oder, volkstümlich formuliert: Des einen Leid, des anderen Freud. Beispiel: Fallen die Aktienkurse deutlich, agieren viele Anleger leider immer noch zyklisch. Sie verkaufen ihre Papiere fast um jeden Preis und nehmen deshalb oft teils sehr hohe Verluste in Kauf. Eingesammelt werden die Papiere dann von „starken Händen“ – vor allem Profis, die auf diese Weise gute Unternehmensqualität preiswert ergattern. Sie setzen auf eine alsbaldige Erholung des Marktes – zu Recht, wie die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte dokumentieren – und können so hohe Kursgewinne verbuchen.

Auch bei einer über einen längeren Zeitraum höheren oder hohen Inflationsrate gibt es Gewinner und Verlierer.

Wer profitiert von einer höheren Inflationsrate? 

Allgemein jeder, der Schulden hat. Denn ist die Teuerung höher als der Zins, zu dem ein Verbraucherkredit oder Hypothekendarlehen abgeschlossen wurde, verringert sich allmählich, wie von Geisterhand sozusagen, der reale Schuldenstand. Eine höhere Inflation nützt nicht nur privaten Kreditnehmern, sondern auch Unternehmen mit einer vergleichsweise hohe Fremdfinanzierungsquote. Selbst Banken, die über relativ geringe eigene Mittel verfügen, können sich gegebenenfalls das Geld zu niedrigen Zinsen bei der Europäischen Zentralbank ausleihen, um dieses dann (deutlich) teurer an Kreditnehmer weiterzureichen. 

Wem schadet eine höhere Teuerungsrate? 

Jedem, der keine oder so gut wie keine Schulden hat. Ebenso Menschen mit durchschnittlichem oder geringem Einkommen, weil sie deutliche Preissteigerungen bei Grundnahrungs- und anderen Lebensmitteln sowie bei Miete und Energie kaum durch zusätzliche Einsparungen kompensieren können.

Eher gut situierte Menschen sind ebenso betroffen, sofern ihre Vermögen geldlastig sind und Aktien sowie Sachwerte eine untergeordnete Rolle spielen.

Insbesondere die „Best Agers“ ab Mitte 50, die nunmehr die Weichen stellen für einen finanziell auskömmlichen Ruhestand, sind betroffen. Denn niemand möchte Gefahr laufen, dass sein momentanes Vermögen bei Renteneintritt in ein paar Jahren nur noch einen Bruchteil der heutigen Kaufkraft besitzt. Das größere und kleinere Schreckensszenario dokumentieren die beiden folgenden Berechnungen. 

Szenario 1: zwei Prozent Inflationsrate im Jahr.

Angenommen, derzeit summieren sich die Vermögenswerte auf eine Million Euro. Bei zwei Prozent Inflation im Jahr hat jene Million in zehn Jahren eine Kaufkraft von nur noch knapp 820.400 Euro. Damit aber das Vermögen in zehn Jahren noch die Kaufkraft von heute hat, müsste dessen nominaler Wert auf nahezu 1,22 Millionen Euro anwachsen.

Szenario 2: fünf Prozent Inflationsrate.

Ein katastrophales Ergebnis für jeden, der heute – ein paar Jahre vor dem Ruhestand – die Hände in den Schoß legt. Denn das aktuelle Vermögen in Höhe von einer Million Euro ist in zehn Jahren bei fünf Prozent Inflationsrate im Schnitt auf eine reale Kaufkraft von gerade mal 614.000 Euro geschrumpft. Um die heutige Kaufkraft wenigstens beizubehalten, sind in einem Jahrzehnt knapp 1,36 Millionen Euro nötig.

Momentan tendiert die Inflationsrate in Deutschland und in der EU-Zone zum Glück südwärts. Doch falls es noch fünf oder auch zehn Jahre bis zum Rentenbeginn dauert, sollte niemand Haus und Hof darauf verwetten, dass dies so bleibt. Zumal die normale, von der EZB angepeilte Teuerungsrate bereits beträchtliche Kaufkraftverluste vorhandener Vermögenswerte bedeutet (siehe oben). Folgende strategische Maßnahmen kommen in Betracht, sollen die heutige Vermögenswerte ihre Kaufkraft halbwegs und dauerhaft behalten:

Mann sitzt auf einem Steg und schaut auf den See

Inflation – Vermögen auf Dauer vor Kaufkrafteinbußen schützen. 

Als der viel zitierte „Best Ager“ sind Sie beruflich nach wie vor etabliert. Weder ein extravagant-schrilles Outfit noch ein röhrender Bolide aus Zuffenhausen signalisiert, dass sich Ihr berufliches Engagement und die Qualität Ihrer Arbeit bisher ausgezahlt haben. Ihr privates Vermögen umfasst die üblichen Klassiker wie Immobilien, Anleihen, Investmentfonds sowie das eine oder andere nicht gerade blendend verzinste Bankprodukt. Was also tun, damit Ihr Vermögen aufgrund der Inflation zumindest nicht an Substanz verliert?

Selbstgenutzte Immobilien und Mietobjekte.

Falls dies unter dem Gesichtspunkt der Liquidität kein Problem ist, hat die Entschuldung Ihrer Immobilie(n) Zeit bis zum Beginn des Ruhestands. Überlegenswert aus steuerlichen Gründen wäre, das Hypothekendarlehen für die Mietwohnung(en) bis zum Rentenbeginn tilgungsfrei zu stellen und die Immobilien dann zu entschulden.

Anleihen und andere Zinsträger.

Regelmäßige Erträge wie Anleihen-Zinsen sind insbesondere im Ruhestand attraktiv, können jedoch inflationsbedingt Vermögensvernichter sein. Denn Geldwerte werden von der Teuerung teils erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Anleihen mit längerer Laufzeit und niedriger Nominalverzinsung beispielsweise reagieren durch deutliche Kursverluste überproportional auf Inflationstendenzen und damit verbundene Leitzinsanhebungen bzw. Renditeanstiege. Eine Umschichtung in ertragreichere Schuldpapiere (= höhere Nominalverzinsung) ginge mit Verlusten einher. Bessere Anlagemöglichkeiten im Bereich der Geldwerte sind beispielsweise:

  • Inflationsindexierte Anleihe (Inflation Linked Bond). Bei dieser Art von Schuldverschreibungen hängen Verzinsung und Tilgung von der aktuellen Teuerungsrate ab. Dadurch sind die Inflationslinker (teilweise) vor Geldentwertung geschützt. Als Referenzindex gelten Preisindizes – in Deutschland bei gelinkten Bundesanleihen der harmonisierte Verbraucherpreisindex. Steigt die Inflation, steigen Verzinsung und Tilgungsbetrag bei Laufzeitende. Bei niedriger Inflation oder gar Deflation sind die Zinsen niedriger als bei herkömmlichen Schuldverschreibungen. Linker der Bundesrepublik Deutschland werden bei Deflation zum Nennwert getilgt.
  • Variabel verzinste Anleihen (Floating Rate Notes). Diese Art von Schuldverschreibungen werden auch „Gleitzins-Anleihen“ genannt. Der Nominalzins orientiert sich an den Geldmarktsätzen, deren Höhe sich wiederum stark an der Zinspolitik der EZB orientiert. Die Papiere notieren in der Regel rund um den Nominalkurs (pari = 100 %).

Aktien und ETFs.

Ein kaufkraftbereinigter Vermögenserhalt funktioniert, sobald die Gesamtverzinsung (bei Aktien: Dividenden plus Kursgewinne) über einen bestimmten Zeitraum höher sind als die Inflationsrate. Das lässt sich aber langfristig nur mit börsennotierten Unternehmensbeteiligungen – vulgo: Aktien – erreichen.

Einen Teil des gesamten Vermögens auf nur einige wenige Aktien zu konzentrieren, wäre zu riskant, weil hier die Diversifizierung fehlt. Eine solche haben Anleger zwar bei Aktienfonds. Doch diese sind, sofern individuell gemanagt, mit jährlichen Kosten von zwei Prozent und mehr vom Fondsvermögen zu teuer.

Sollten individuelle Aktieninvestments infrage kommen, geschieht dies am besten über einen ETF (Exchange Traded Fund, auch „Indexfonds“ genannt). Ideal ist, so lehrt zumindest die Vergangenheit, ein ETF auf dem weltweiten Index MSCI World. In den zehn Jahren von Anfang 2014 bis Ende 2023 erreichte dieses globale Aktienbarometer im Schnitt eine Rendite von 8,2 Prozent. Die durchschnittliche Inflationsrate in dieser Zeit lag bei 2,2 Prozent.

Private Anleger konnten also mit einem Aktien-Investment über einen ETF auf dem MSCI-Weltindex die Teuerung in Deutschland nicht nur kompensieren, sondern sogar das Vermögen mehren. Ob dies auch künftig so sein wird, weiß niemand. Aber Tatsache ist: Langfristig sind Aktien die mit Abstand lukrativste Anlageform.

Wer also mit Mitte 50 und gut zehn Jahre vor Rentenbeginn einen nicht unbeachtlichen Teil seines Vermögens in einen ETF (in Euro rechnende Anleger wählen am besten ETF mit Währungs-Absicherung gegen den US-Dollar) auf den MSCI World- Index investiert, dürfte aus heutiger Sicht nicht allzu viel falsch machen.

Edelmetalle, Brillanten und Luxusuhren als Sachwerte.

Abgesehen vom Zinsversager Gold, das zumindest vorübergehend durchaus ein solider Inflationsschutz sein kann, sind die anderen genannten Sachwerte denkbar ungeeignet. Zum einen bezahlt man bei Schmuck und Uhren die handwerkliche Kunst, sodass Menschen mit Sinn für Geschmackvolles und Edles so gut wie nie das zurückbekommen, was sie seinerzeit bezahlt haben. Sieht man einmal von gesuchten Stahlmodellen der Marke Rolex ab.

Merke: Ein Brillantcollier gehört an den Hals einer stilvollen Frau und die stählerne Rolex Sea Dweller ans Handgelenk eines stolzen Kerls.


Über den Autor.

Heinz-Josef Simons, Jahrgang 1956, arbeitet seit gut 30 Jahren als Wirtschafts- und Finanzjournalist, überdies seit rund zehn Jahren als Kommunikationsberater.
Nach seinem Magister-Abschluss an der RWTH Aachen in den Fächern Germanistik, Anglistik und Politische Wissenschaft waren die ersten beruflichen Stationen Mitte der 1980er Jahre der Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen (Pressesprecher) sowie bis Mitte der 1990er Jahre einer der größten deutschen Finanzvertriebe (Kommunikationschef und Redenschreiber).
Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er frei. Geschrieben hat er unter anderem für Financial Times Deutschland, Börse Online, das frühere Verbrauchermagazin DM, GeldIdee, Impulse, Capital, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Immobilien Manager und zahlreiche andere.


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