Finanzen verstehen. Zukunft gestalten.
  • 22.07.2024
  • 5 Minuten

Leitzins: Die Zinswende und ihre Folgen.

Autor: Heinz-Josef Simons

Frau steckt Geldmünze in ein rosa Sparschwein

Anfang Juni senkte die Europäische Zentralbank (EZB) zum ersten Mal seit dem Jahr 2019 ihren Leitzins – um 25 Basispunkte (= 0,25 Prozentpunkte) auf nunmehr 4,25 Prozent. Den für Banken und Sparkassen maßgeblichen Einlagensatz drückten die europäischen Währungshüter ebenfalls um einen Viertelprozentpunkt auf jetzt 3,75 Prozent. Kreditinstitute zahlen also weniger Zinsen für bei der EZB geliehenes Geld, erhalten aber auch weniger, sobald sie dort ihre für das Tagesgeschäft nicht benötigte Liquidität parken.

Die Folgen der Leitzinssenkung für Verbraucher sind vergleichbar: Schulden machen wird preiswerter, Geld anlegen bringt weniger. Des einen Leid ist des anderen Freud‘.

Doch Freud‘ und Leid sind ungleich verteilt – so haben Leitzinssenkungen unterschiedliche Auswirkungen auf die einzelnen Generationen:

Die Jüngeren dürfte eine Zinswende freuen.

Bei der eher jüngeren Generation – sagen wir: bis um die 40 – dürfte die Freude über den noch behutsamen Zinsschritt der EZB überwiegen. Nach den Jahren des – oft – Sturms und Drangs verändern sich die Ansprüche an das Leben: Der Job ist lukrativer, sie haben eine gefestigte Partnerschaft, die in Richtung Familie tendiert, und es entsteht der Wunsch nach dem eigenen Heim, das die zwar komfortable, zugleich aber recht teure Mietwohnung ersetzt.

Um größere Investitionen zu stemmen, reichen die eigenen Ersparnisse in der Regel nicht aus. Oft wird das neue Auto finanziert und häufig lässt sich der Traum von den eigenen vier Wänden nur mithilfe eines Baudarlehens von Bank oder Sparkasse verwirklichen.

Diese Zeit, während der die Saat für die spätere Ernte ausgebracht wird, ist in der Regel vergleichsweise intensiv durch Fremdkapital geprägt. Leitzinssenkungen können somit die Finanzierung konsumtiver Anschaffungen (spürbar) verbilligen und dadurch nicht zuletzt das Familienbudget bei der Finanzierung längerfristiger Investitionen – etwa des Eigenheims – erkennbar entlasten. Denn erfahrungsgemäß orientieren sich die Kapitalmarktrenditen – also die Gesamtverzinsung länger laufender Anleihen wie auch Hypothekenpfandbriefe – früher oder später am Zinstrend des Geldmarkts.

Die Älteren mögen die Zinswende weniger.

Bei den Älteren unter uns, die fast schon zu oft erwähnte „Generation 50+“, dürfte sehr häufig das Leid ob der jüngsten Zinssenkung überwiegen – erst recht, falls sich diese in den nächsten Monaten verstetigt. Diese Generation hat allgemein mehr Guthaben als Verbindlichkeiten: Passable Rentenansprüche, eine recht kommode betriebliche Altersversorgung, ein Eigenheim, das in wenigen Jahren schuldenfrei sein dürfte, und durchaus erkleckliche Ersparnisse auf der hohen Kante. In der Regel sind etablierte Zeitgenossen ab 50 eher Sparer und Anleger als Schuldner.

Spätestens jetzt, zwei gute Handvoll Jahre vor Rentenbeginn, sollten die Weichen für einen finanziell sorgenfreien Ruhestand gestellt werden. Entscheidend ist, dass das Vermögen langfristig wetterfest gestaltet wird. Deshalb sollten sichere Geldanlagen riskante und spekulative Engagements bei weitem überwiegen. Zwei Fragen bedürfen durchdachter Antworten:

  1. Wie sollte unter den Aspekten Sicherheit und Liquidität das vorhandene Vermögen strukturiert sein?
  2. Was geschieht mit den monatlichen Überschüssen? Dominiert auch hier das Diktum „Safety first“, indem sie kurzfristig angelegt werden? Oder sind nicht doch längerfristige Investments, die etwas mehr Risiko bergen, attraktiver?

Alles anders oder alles wie gewohnt.

Entscheidend für die Vermögensstruktur sind die eigenen Ziele und die individuelle Risikobereitschaft. Die einen möchten später reisen und möglichst viel von der Welt sehen oder sich endlich ein größeres Auto aus dem gehobenen Segment zulegen. Andere wollen nicht viel ändern, sich vielleicht etwas ausführlicher dem einen oder anderen Hobby widmen, das kein Vermögen kostet.

Wer sein Leben nicht groß ändern möchte, vorhandene Ersparnisse auch kaufkraftbereinigt bewahren will, vielleicht sogar mit einem Zins-Extra on top, der kann sich seine aktuellen Vermögenswerte unter folgenden Gesichtspunkten anschauen:

Neue Struktur für altes Geld.

Die „neue“ Vermögensstrategie sollte sinnvollerweise folgenden Maximen folgen: Sicherheit zuerst! Cash ist King! Liquidität versüßt den Alltag! Und so dürfte das prima klappen:

Mann sitzt mit Unterlagen und Laptop an Tisch und tippt auf Taschenrechner

1. Eigenheim entschulden.

Die Finanzierung der eigenen vier Wände ist so getaktet, dass sich die Bank pünktlich zum Rentenbeginn vom Kunden verabschiedet. Doch das kostet in den nächsten etwa 10 bis 15 Jahren Liquidität. Überdies ist es steuerlich unsinnig, weil der Fiskus bei den Zinsen des Baukredits für selbstgenutztes Wohneigentum kalt lächelnd abwinkt. Zu Recht übrigens, so will es nämlich das Einkommensteuergesetz.

Ökonomisch weitaus sinnvoller wäre es, die Zeit bis zur kompletten Entschuldung zu halbieren. Das Zauberwort lautet „Sondertilgungen“, die seit gut zwei Jahrzehnten praktisch Standard in jedem guten Darlehensvertrag sind. Immobilieneigentümer dürfen häufig 5 bis 10 Prozent vom Anfangskredit je Kalenderjahr kostenfrei zurückzahlen. Resultat dieses strategischen Kniffs: Der Liquiditätsschub findet früher statt als vordem geplant. Das wiederum gibt die Möglichkeit, bis zu Beginn des Rentenalters durch geschickte Geldanlage und Nutzung des Zinseszinseffekts den künftigen finanziellen Spielraum zu erweitern.

2. Geld überschaubar statt langfristig anlegen.

Klar, Aktien sind – statistisch nachgewiesen – langfristig die mit Abstand lukrativste Form der Geldanlage. Wobei das Adjektiv „langfristig“ nicht immer präzise definiert wird. Sind es nun 10 Jahre, 20 Jahre oder gar 30 Jahre? Wichtig ist: je länger, desto besser.

Es käme einer Katastrophe gleich, würde das an sich feine Aktien-Portfolio just bei Rentenbeginn mit Wucht in den Keller rauschen – aus welchem Grund oder welchen Gründen auch immer. Da tröstet es kaum, wenn die Börsen – wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten – ein paar Jahre später wieder alles aufgeholt haben. Kaum ein Mensch mit Ende 60 hat die Geduld und auch die Nerven, darauf zu warten.

Deshalb sollte mit Mitte 50 das vorhandene Vermögen nach menschlichem Ermessen sehr sicher angelegt sein. Eine ausgewogene Mischung aus Tagesgeld und Festgeldern mit unterschiedlichen Fristigkeiten bietet dank der gesetzlichen Einlagensicherung hohen Vermögensschutz, Flexibilität und eine gute Verzinsung. „Gut“ gleich in doppeltem Sinne. Nämlich …

  • … absolut betrachtet trotz erster Leitzinssenkung durch die EZB und auch …
  • … relativ, nämlich kaufkraftbereinigt, da die Inflationsrate in Deutschland momentan bei nur noch 2,2 Prozent liegt (Stand Juni 2024). 

3. Anleihen-Investments zumindest in Erwägung ziehen.

Für die Generation 50+ sind stetige und nach menschlichem Ermessen sichere Einkünfte das A und O. Unter den Anlagemöglichkeiten sind Tagesgeld- und Festgeldkonten eine erstklassige Basis.

Unter dem Gesichtspunkt regelmäßiger Erträge kommen zudem börsennotierte festverzinsliche Wertpapiere, somit Anleihen respektive Obligationen, zumindest in Betracht. Diese können – theoretisch – eine gute Beimischung in einer ertragsorientierten Vermögensstruktur sein. Allerdings allein unter den folgenden Voraussetzungen, da nicht zuletzt die Kosten solcher Investments eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Infrage kommen Bundes-Anleihen oder Schuldverschreibungen von EU-Ländern mit ähnlich guter Bonität. Die Obligationen sollten eine vergleichsweise kurze Restlaufzeit von rund drei Jahren haben. Dadurch wird das Risiko gedämpft, dass die Anleihen-Kurse bei einem unerwartet starken Zinsanstieg (deutlich) fallen. Sollen Festzinspapiere bis zu deren Fälligkeit gehalten werden, spielen vorübergehende Kursschwankungen indes keine Rolle, da die Bonds in der Regel zu 100 Prozent des Nennwerts zurückgezahlt werden. Wichtig: Die bei einem Investment in börsennotierte Festzinspapiere anfallenden Kosten können die Rendite erheblich drücken. Deshalb haben Tages- und Festgelder, bei denen solche Kosten nicht anfallen, in puncto Rendite häufig die Nase vorn.

Drei Stoffsäckchen mit aufgedrucktem Eurozeichen und Geldmünzen darin

4. Auch die monatlichen Überschüsse klug anlegen.

Weniger ausgeben als einnehmen – so lautet schon seit Jahrhunderten die Formel schlechthin für den Aufbau eines auskömmlichen Vermögens. Das wird im Idealfall von Generation zu Generation weitergegeben und oft sogar noch vermehrt. 

Wer mit Mitte 50 einen Aktien-ETF-Sparplan abschließt, um seine monatlichen Überschüsse sinnvoll zu investieren, dürfte mit einer vergleichsweise hohen Wahrscheinlichkeit pünktlich zum Renteneintritt mehr Geld herausbekommen, als er angelegt hat.

Für diejenigen, die ihre Überschüsse weniger langfristig und mit besser kalkulierbarer Wertsteigerung anlegen möchten, bieten sich auch alternative Sparpläne an. Gut verzinste Tagesgeldkonten, Sparkonten oder Sparbriefe können hier eine sinnvolle Ergänzung sein. Diese Anlageformen sind weniger volatil und bieten durch ihre festgelegten Zinssätze eine höhere Planungssicherheit. Zudem sind sie flexibel und (je nach Anlageform mit ein wenig Vorlauf) jederzeit verfügbar, was besonders für konservative Anleger oder jene, die auf kurzfristige Liquidität angewiesen sind, von Vorteil ist. So lassen sich monatliche Überschüsse auch ohne hohes Risiko gewinnbringend nutzen und sind sicher zum Renteneintritt auch verfügbar.


Über den Autor.

Heinz-Josef Simons, Jahrgang 1956, arbeitet seit gut 30 Jahren als Wirtschafts- und Finanzjournalist, überdies seit rund zehn Jahren als Kommunikationsberater.
Nach seinem Magister-Abschluss an der RWTH Aachen in den Fächern Germanistik, Anglistik und Politische Wissenschaft waren die ersten beruflichen Stationen Mitte der 1980er Jahre der Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen (Pressesprecher) sowie bis Mitte der 1990er Jahre einer der größten deutschen Finanzvertriebe (Kommunikationschef und Redenschreiber).
Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er frei. Geschrieben hat er unter anderem für Financial Times Deutschland, Börse Online, das frühere Verbrauchermagazin DM, GeldIdee, Impulse, Capital, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Immobilien Manager und zahlreiche andere.


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