Die richtige Anlage für Enkelkinder: Vom Sparbuch bis zum ETF-Sparplan.
Autor: Hajo Simons
Eine sternenklare Nacht im August. Das Telefon klingelt. Der Wecker zeigt 3:46 Uhr. Aus dem Tiefschlaf gerissen, geht er leise ins Wohnzimmer, weil seine Frau schläft. Er nimmt den Hörer des Telefons ab und hört die Stimme seines Schwiegersohns: „Herzlichen Glückwunsch, ihr seid gerade Großeltern geworden!“ Ein Mädchen, 3.923 g schwer, gesund, putzmunter. Sophie soll die Kleine heißen – wie die Oma, der später vor lauter Glück die Tränen in den Augen stehen.
Enkelkinder sorgen für große Gefühle.
Ja, die Geburt eines Kindes ist immer die Zeit großer Gefühle – bei Eltern und Großeltern. Sobald dann die letzten Freudentränen getrocknet sind, gewinnt allmählich der Verstand die Oberhand. Heißt: Es geht um die Zukunftsplanung von – in unserem Beispiel – Baby Sophie.
Da fallen beim Blick in die fernere Zukunft Begriffe wie Abitur und Studium, Führerschein und Auto, erste eigene Wohnung und vielleicht auch die eigene Familie. Doch ebenso offenbart die eher nähere Zukunft Interessantes. Die erste Klassenfahrt während der Grundschulzeit, Laptop und Mobiltelefon, das erste Zeltlager mit einer Jugendgruppe in Südeuropa, in den großen Ferien ein sechswöchiger Sprachurlaub bei Familien – wahlweise in England, den USA oder gar in Australien.
So unterschiedlich all das ist, was für Baby Sophie in den nächsten 20 oder 30 Jahren kommen mag oder was sie erleben möchte, eine Gemeinsamkeit gibt es: Das kostet Geld! Und – man denke nur an den Führerschein oder gar die sechswöchige Sprachreise ins Ausland – nicht gerade wenig. Künftig – Stichwort: Inflation – kann hier und da sogar ein kleines Vermögen nötig sein.
Somit dreht sich vieles, wenn nicht gar alles bei der Zukunftsplanung fürs Baby ums Sparen und um die Geldanlage. Und da Sophies Mama die einzige Tochter der jungen Eltern ist, geben Opa und Oma liebend gern. Häufig und nicht eben wenig.
Bargeld statt Plastik.
Klar, die Kiddies packen liebend gern Geschenke aus, ob zum Geburtstag, zu Weihnachten oder zu Ostern. Kaum etwas bringt ihnen mehr Spaß, als das teure Geschenkpapier zu zerreißen und achtlos in die Ecke zu werfen, bis das nächste überflüssige Plastikspielzeug freigelegt ist.
Opa und Oma überlassen dies besser der restlichen Verwandtschaft und konzentrieren sich auf kleine und größere Geldgeschenke. Falls sie dies bis zur Volljährigkeit von Baby Sophie oder sogar länger durchhalten, dürfte die junge Erwachsene später einen hohen fünfstelligen oder gar sechsstelligen Betrag zur Verfügung haben.
Damit dies klappt, sollte der Familienrat die folgende Frage plausibel und überzeugend beantworten: Bei welcher der gängigen Anlageformen ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass die künftigen Sparziele erreicht werden – und dies bei größtmöglicher Sicherheit, also weitestgehend risikolos? Bei der Beantwortung dieser Frage sollten Eltern und Großeltern unterscheiden zwischen höheren Geldgeschenken zu besonderen Anlässen und dem regelmäßigen Sparen – etwa monatlich oder quartalsweise.
Größere Geldgeschenke – welche Anlageformen sind sinnvoll?
Anlässe für größere Geldgaben gibt es viele. Erfahrene Omas und Opas wissen das, Erst-Großeltern merken es nach und nach. Zur Geburt etwa schafft ein höherer Betrag eine solide finanzielle Basis. Diese lässt sich problemlos verbreitern zu Ostern, Weihnachten und zu jedem Geburtstag. Insbesondere in katholischen Familien haben auch die Namenstage eine besondere Bedeutung, sodass ein Umschlag mit Geldscheinen willkommen ist.
Dann wird das Kind allmählich älter, besucht die Grund- und im Anschluss die weiterführende Schule, und gibt es erneut zahlreiche gute Gelegenheiten für Geldgeschenke. Die Einschulung, tolle Zeugnisse sowie gute oder gar sehr gute Schulnoten. Da spendieren Opa und Oma auch schnell einmal 50 oder gar 100 Euro. Weil es dem Kind ansonsten an nichts fehlt, sollten Geldgeschenke ab 20 Euro angelegt werden.
Erfahrungsgemäß dienen Geldgeschenke der Großeltern oft dem sogenannten Zielsparen. Kleinere und auch größere Beträge werden verzinslich angelegt, damit zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft ausreichend Kapital zur Verfügung steht, um eine größere Anschaffung zu bezahlen oder einen eher kostspieligen Wunsch zu erfüllen.
Zäumen wir am besten das Pferd von hinten auf mit der Frage: Welche Anlageformen halten Oma und Opa häufig nicht für geeignet, um künftige Sparziele zu erreichen? Nicht selten lautet die Antwort von Großeltern: aktienorientierte Investments. Denn weil die Aktienmärkte bisweilen – teil deutlichen – Wertschwankungen unterliegen, erscheint das Erreichen bestimmter Sparziele ungewiss.
Größere Geldgeschenke nicht in aktienorientierte Anlageformen investieren.
Zugegeben, langfristig sind Aktien die renditestärkste Möglichkeit zur Geldanlage. Messlatte sind nicht einzelne Werte oder gemanagte Aktienfonds, sondern Börsenbarometer, die den Aktienmarkt eines Landes oder gar den weltweiten Aktienmarkt abbilden. Dazu zählen etwa der MSCI Welt-Index, der deutsche Dax oder der US-amerikanische S & P 500-Index.
Nichts einfacher als das, denkt sich nunmehr Sophies Opa, und ist drauf und dran, jene 10.000 Euro Startkapital fürs Baby in einen ETF (= Indexfonds) auf den MSCI Welt zu investieren. Wollen wir hoffen, dass der liebende Großvater sich der bekannten Risiken, die zumindest kurz- und mittelfristig mit Aktieninvestments einhergehen, bewusst ist. Der Chart des weltweiten Börsenbarometers MSCI World dokumentiert eindrucksvoll, dass – auch deutliche – Werteinbußen wieder wettgemacht wurden. Aber dies brauchte halt seine Zeit. Ob mögliche Kurseinbußen in recht kurzer Zeit wieder ausgeglichen werden können, weiß jedoch niemand.
Wie viel Gewinne sind nötig, um (höhere) Verluste auszugleichen?
Kurskorrekturen mit vergleichsweise hohen Verlusten sind an den Aktienmärkten jederzeit möglich. Dazu bedarf es letztlich nur eines Anlasses – etwa der weiteren Eskalation des Ukraine-Kriegs oder der Situation im Gaza-Streifen. Auch enttäuschte Zinssenkungs-Hoffnungen der Investoren können zu einem Kursrutsch führen. Investiert also der Großvater seine 10.000 Euro in einen ETF, droht stets die Gefahr (deutlicher) Verluste. Doch wie hoch muss ein Kursgewinn sein, um einen vorherigen (Buch)Verlust auszugleichen? Beispiele:
- Verliert der Index 10 Prozent an Wert, sind 11,1 Prozent nötig, um den ursprünglich investierten Betrag zu erreichen.
- Beträgt der Verlust 25 Prozent, ist ein Gewinn von 33,3 Prozent erforderlich.
- Bei einem Kursverlust von 50 Prozent müsste sich das Restkapital glatt verdoppeln, um den alten Stand zu erreichen.
- Und bei einem erdrutschartigen Kurseinbruch von 80 Prozent steht das anfangs investierte Kapital erst nach einer Verfünffachung des Kurses wieder zur Verfügung.
Würde der Großvater dem 16-jährigen Teenager Sophie ETF-Anteile im Wert von 2.000 Euro schenken, um in zwei Jahren den Führerschein zu bezahlen, bestünde auf so kurze Sicht zumindest ein Risiko, dass das Anlageziel nicht erreicht wird.
Übrigens: In den zehn Jahren von 2013 bis 2022 hat ein ETF auf den MSCI Welt-Index eine durchschnittliche Rendite von 11,3 Prozent jährlich (in Euro gerechnet) erzielt.
Geldgeschenke – Geldmarktorientierte Sparformen erste Wahl.
Ob Baby Sophie später einmal, in 30 oder in 40 Jahren vielleicht, zur überzeugten Aktionärin wird? Das weiß heute niemand. Bis dahin aber ist noch genügend Zeit, das Startkapital zur Geburt dank Zinseszins sicher zu mehren. Geldmarktorientierte Spar- und Anlageformen sind für viele Großeltern und auch Eltern oft erste Wahl, sobald Sparziele nach menschlichem Ermessen recht sicher erreicht werden sollen.
Zur Auswahl stehen Tagesgeld, Festgeld und Sparbriefe mit befristeter Laufzeit. Solche Anlageformen haben vielfältige Vorteile: angemessene Verzinsung und Schutz vor Wertschwankungen des investierten Kapitals. Bei Tages- und Festgeldangeboten überzeugen zudem Flexibilität durch Verfügbarkeit, die Möglichkeit von Zuzahlungen sowie der Zinseszinseffekt bei Wiederanlage der Erträge.
Überlegenswert – ETF-Sparplan.
Aktieninvestments über Indexfonds (ETFs) sind hingegen eine typische Langfristanlage. Zudem sind sie geeignet zur ratenweisen Kapitalbildung über sogenannte Sparpläne.
ETF-Sparpläne mit regelmäßigen Einzahlungen (monatlich oder einmal im Quartal) haben den Vorteil des sogenannten Cost-Averagings. Das bedeutet: Abhängig vom jeweiligen Börsenkurs werden mal weniger und mal mehr ETF-Anteile erworben. Unter dem Strich kann sich langfristig ein günstiger durchschnittlicher Einstandskurs je Anteil ergeben. Denn ein Anleger kann mithilfe eines ETF-Sparplans die an den Börsen üblichen Kursschwankungen zum eigenen Vorteil nutzen.
Zinsen: für fast alle Kinder steuerfrei.
Auch Kinder haben Anspruch auf den sogenannten Sparer-Pauschbetrag (= Sparer-Freibetrag). Dies bedeutet: Für Kapitalerträge wie Zinsen, Aktiendividenden und Fonds-Ausschüttungen von maximal 1.000 Euro im Kalenderjahr fallen keine Abgeltungssteuer, kein Solidaritäts-Zuschlag und auch keine Kirchensteuer an.
Bei 3 Prozent Verzinsung im Jahr können somit gut 30.000 Euro angelegt werden, ohne dass das Finanzamt bei den Kapitalerträgen zugreift. Wichtig: Der Freistellungs-Auftrag muss dem Kreditinstitut erteilt werden, bei dem das Geld angelegt ist. Bei mehreren unterschiedlichen Bankverbindungen sollten die Höhen der freigestellten Beträge mit den zu erwartenden Zinsen und weiteren Kapitaleinkünften korrespondieren.
Noch mehr steuerfreie Zinsen sind mithilfe einer sogenannten Nichtveranlagungs-Bescheinigung möglich. Das ist vorteilhaft insbesondere für Kinder und Jugendliche. Eine Nichtveranlagungs-Bescheinigung erhält, wessen Einkünfte in einem Kalenderjahr den Grundfreibetrag nicht überschreiten. Dieser Grundfreibetrag soll das Existenzminimum unbesteuert lassen und beträgt im Jahr 2024 pro Person 11.604 Euro.
Heißt im Umkehrschluss: Um so hohe Kapitalerträge in nur einem Jahr zu erhalten, müssen rund 300.000 Euro zu ca. 3 Prozent angelegt sein. Wichtig: Die Nichtveranlagungs-Bescheinigung muss beim Finanzamt beantragt werden.
Fazit: Die Kombi macht’s.
Wie wir gesehen haben, hängt die Wahl der richtigen Geldanlage für die Enkelkinder von einer Reihe verschiedener Faktoren ab, insbesondere vom Anlagehorizont und der Risikobereitschaft. Während traditionelle Sparformen wie Tagesgeld, Festgeld oder Sparbriefe weitgehende Sicherheit bieten, sind sie vor allem für kurzfristige bis mittelfristige Anlageziele geeignet.
Wer jedoch langfristig denkt, kann von den Renditechancen eines ETF-Sparplans profitieren. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass Aktienanlagen auch Risiken bergen, insbesondere in Form von Kursschwankungen. Eine clevere Kombination beider Ansätze kann für viele Familien die optimale Lösung darstellen. So wird Baby Sophie später bestmöglich von den Geldgeschenken ihrer Großeltern profitieren.
Über den Autor.
Heinz-Josef Simons, Jahrgang 1956, arbeitet seit gut 30 Jahren als Wirtschafts- und Finanzjournalist, überdies seit rund zehn Jahren als Kommunikationsberater.
Nach seinem Magister-Abschluss an der RWTH Aachen in den Fächern Germanistik, Anglistik und Politische Wissenschaft waren die ersten beruflichen Stationen Mitte der 1980er Jahre der Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen (Pressesprecher) sowie bis Mitte der 1990er Jahre einer der größten deutschen Finanzvertriebe (Kommunikationschef und Redenschreiber).
Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er frei. Geschrieben hat er unter anderem für Financial Times Deutschland, Börse Online, das frühere Verbrauchermagazin DM, GeldIdee, Impulse, Capital, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Immobilien Manager und zahlreiche andere.